Wenn Opfer nicht mehr interessieren: die verkommene Interessenslage zum Hashtag Heidelberg

In Heidelberg hat es am gestrigen Tage einen mutmaßlichen Amoklauf gegeben: ein 35-jähriger Mann fährt auf einem Platz mehrere Menschen an und flieht anschließend bewaffnet mit einem Messer.

 

Kurz vor 16.00 Uhr fährt ein Tatverdächtiger am Bismarckplatz in Heidelberg vor einer dortigen Bäckereifiliale in eine Personengruppe. Hierdurch werden 3 Personen verletzt, eine davon schwer. Anschließend steigt der Tatverdächtige aus dem Fahrzeug aus und entfernt sich mit einem Messer bewaffnet zu Fuß in Richtung der Bergheimer Straße. Vor dem dortigen Alten Hallenbad wird er nach Hinweisen durch Passanten durch eine Fahndungsstreife der Polizei festgestellt. Bei der Festnahme kommt es durch die eingesetzten Polizeibeamten zum Schusswaffengebrauch. Der Tatverdächtige befindet sich schwerverletzt in einer Heidelberger Klinik. (Quelle: Presseinfo der Polizei)

So und mehr nicht sollte eine seriöse Berichterstattung aussehen. Faktisch, nur das betreffend, was auch relevant ist. Nur die Informationen, die auch dazu gehören. Also eine nüchterne Wiedergabe. Heidelberg –> Fahrt in eine Menschenmenge –> Messereinsatz –> Polizeischüsse –> Festnahme. Doch wir leben im Jahr 2017, es geht schon lange nicht mehr um nüchterne Abläufe und augenscheinlich auch gar nicht mehr um eventuelle Opfer, sondern wirklich nur noch darum, ob der mutmaßliche Täter ein “Ausländer” war oder nicht.

 

Deutsche Medien halten sich zurück

Ich war recht erstaunt: bis auf einen Satz in der Rhein-Neckar-Zeitung findet man anfangs keine deutschsprachigen Medienmitteilungen über die Nationalität des Täters. Interessant ist, dass diese konträr zu den Angaben aus dem Ausland und auch der Social Media Spekulationen steht. Und noch interessanter: es gab den ganzen Vorabend über keinerlei offizielle Angaben der Polizei zu der Herkunft des mutmaßlichen Täters. Eigentlich ja auch irrelevant, denn man darf nicht vergessen, dass mittlerweile ein Mensch an den Folgen gestorben ist.

Und nun stehen wir erneut an der Stelle: warum ist es relevant, aus welchem Land der mutmaßliche Täter stammt? Warum ist es relevant, welche Nationalität in seinem Pass vermerkt ist? Hätte dies etwas an der Situation geändert? Hätte es das Todesopfer ad hoc wieder lebendig gemacht? Nein, natürlich nicht.

Aber die Diskussion um den Hashtag Heidelberg fördert ein noch dreckigeres Gesicht zutage: es geht doch eigentlich bei jeglicher Art von Amoklauf schon unlängst nicht mehr um Opfer, um nüchterne Darstellungen oder saubere Analysen, sondern nur noch um die Angabe der Herkunft, bzw. der Nationalität des mutmaßlichen Täters. Und eventuell noch um seine Religion. Denn mittlerweile ist jede Art eines Amoklaufes in eine dreckige Politdiskussion verkommen, die ihre Opfer verhöhnt und lediglich ideologischen Zwecken dient.

Es war sehr interessant, die Hoffnungslage am gestrigen Abend zu beobachten. Es gab das eine Extrem, welches im Stillen hoffte, einen Deutschen Täter hinter dem Amoklauf zu finden, aber auch das andere Extrem, welches ohne Hehl einen Asylsuchenden als Täter verkündete.

Im Grunde sind beide “Hoffnungen” irrelevant, denn so lange es weder ein religiöses, noch ein ethnisches Motiv gibt, ist die Herkunft im seriösen Journalismus nicht zu nennen. Es gilt weiterhin die Richtlinie 12.1 im Pressekodex:

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

 

Interessiert niemanden!

Die Realität sieht jedoch anders aus, und da müssen wir uns nichts vormachen: es geht um nichts anderes, als die Herkunft des mutmaßlichen Täters. Es geht darum, eigene politische Ansichten rechtfertigen zu können (gleichwohl egal, von welcher Seite) und es geht darum, selber als Sieger aus der Affäre gehen zu können.

Ich habe an dieser Stelle bemerkt, dass ich selbst mittlerweile recht zynisch-aggressiv geworden bin, wenn es um Amok, Anschläge, Terror und deren Täter geht. Ganz schlimm ist jedoch, wenn mein eigener Zynismus zutreffend ist. Bereits kurz nach den ersten Pressemeldungen zu dem Amoklauf prognostizierte ich eine Diskussion, in der es um die Herkunftsfrage geht. Ist es ein Deutscher oder ein Ausländer. Und wenn es sich um einen Deutschen handelt, ist er ein “echter Deutscher” (Stichwort “Ariernachweis”) oder der in Deutschland geborene Sohn von Ausländern? Oder ist gar seine Großmutter eine Rumänin?

Das sind Fragen, die im Zuge einer objektiven Presseberichterstattung keine Rolle spielen dürfen. Doch sie haben am Ende eine mehr als erschreckend große Rolle gespielt. So eine große Rolle, dass die Polizei in ihren Pressemitteilungen explizit darauf hinweisen musste:

Sie mussten nicht allein nur erwähnen, dass der Täter ein Deutscher ist, sondern zudem noch den halben Ariernachweis erbringen: Deutscher OHNE (in Majuskeln!) Migrationshintergrund.

 

Das ist eine Herkunftsdiskussion!

Die Opfer interessieren mittlerweile gar nicht mehr, wir haben aktuell eine vorwiegende Täter-Herkunftsdiskussion vorliegen. Und ich mahne an dieser Stelle an, die Herkunft des Täters NICHT für eine Politdiskussion zu gebrauchen. Denn es gibt einen guten Grund, warum in der Berichterstattung über Straftaten die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten eben nicht erwähnt wird. Und auch in diesem Fall tut sie nichts zur Sache.

Es ist schon erstaunlich, wenn die Polizei dermaßen massiv eingreift, und nicht allein die Nationalität des mutmaßlichen Täters veröffentlich, sondern auch noch explizit auf seinen Stammbaum hinweist. Da muss im Vorfeld viel geschehen sein, was die Social Media Beamten so weit aufgebracht hat, eine dermaßen deutliche Aussage zu treffen. Nicht nur auf Facebook, sondern auch auf Twitter. Nicht nur als ein einzelner Status, sondern auch in vielen Kommentaren.

Das einzige, was hier wirklich nur noch die Beweismitteilung toppen könnte, wäre die öffentliche zur Schau Stellung des Täters. Inklusive seines Stammbaums.

 

Nicht falsch verstehen!

Nein, ich mache der Polizei keinen Vorwurf. Was sollen sie denn bitte machen? Die kämpfen lediglich gegen eine komplett kaputte Social Media Diskussion. Sie machen das einzige, was sie machen können.

Was mich verärgert: zu dem Zeitpunkt, an dem ich diese Zeilen tippe, wissen wir doch letztendlich eigentlich gar nichts zu den Beweggründen. In erster Linie hätte es um Sachverhalte gehen müssen, doch die allgemeine Diskussion ist aus dem Ruder gelaufen.

Wir können und dürfen die Nennung der Nationalität ebenso wenig als “Entwarnungsfaktor” nutzen, denn es gilt weiterhin völlig neutral: die Nationalität des mutmaßlichen Täters sagt nichts aus. Das dürfen wir niemals vergessen. Weder in diesem Fall, noch in irgendeinem anderen.

 

Ein Mensch stirbt. Zwei Verletzte. Und die sozialen Netzwerke bewegt nur eine Frage: welche Nationalität hat der Täter?


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