Konservative? Müssten ja mein Traum sein!

Mich persönlich muss es eigentlich mit Glück erfüllen, wenn in Deutschland oder Österreich rechtskonservative Regierungen das sagen haben.

Mein Gedankenansatz an dieser Stelle:
Die ÖVP und FPÖ wollen also die Schulnoten an den Volksschulen wieder etablieren (also die Noten 1 – 5 ab der ersten Klasse). Gleich von Anfang an in den Koalitionsverhandlungen wird klargemacht, dass es um wertkonservative Themen geht. In meinem Newsstream auf Facebook habe ich schon viele entsprechende Beiträge gesehen, die den Vorstoß kritisieren.

Ich habe mich bereits gestern Abend bei meinem Abendspaziergang durch den Dritten Wiener Gemeindebezirk (mache ich jeden Abend mittlerweile) in meine Gedankenwelt zurückgezogen und so überlegt, dass es mir als Schüler nicht nur egal gewesen wäre, sondern zugute gekommen wäre, wenn es von vornherein ein Notensystem gegeben hätte.

Ich will jetzt nicht angeben, aber meine Schulzeugnisse waren nicht so schlecht. Also sie waren gut. Wirklich gut. Teilweise peinlich gut. Ich selbst wäre an dieser Stelle wahrscheinlich ein großer Gewinner gewesen, denn während andere, die ohnehin schon in der Schule zu kämpfen hatten und denen ein notenfreies System vielleicht mehr geholfen hätte als mir, mehr Probleme mit einem Notensystem ab der ersten Klasse gehabt hätten, habe ich meist lächelnd Klassenarbeit für Klassenarbeit abgesessen.

Mal so weiter gedacht …

Sprich: Schulnoten? Ja eh, verlieren werden dabei nur die Bildungsschwachen. Die „Bildungselite” muss es nicht jucken. Insofern könnte ich glatt sagen, dass eine rechtskonservative Entscheidung hier ganz klar für mich gewesen wäre.

Ja, meine Abendspaziergänge durch den Dritten Wiener Gemeindebezirk sind recht lang und da nie etwas Aufregendes dabei passiert, habe ich mit meinen Gedanken gespielt. Man munkelt ja, dass rechtsskonservative Regierungen gerne auch mal Sozialleistungen kürzen. Kann mir ja eigentlich auch Wurscht sein, denn dank meiner Bildung (die mit einem frühen Notensystem mich wahrscheinlich noch weiter bevorteilt hätte), war ich nie in meinem Leben arbeitslos. Pah, ich habe sogar niemals eine Bewerbung schreiben müssen. Ich war selbst als Student nicht auf Fremdleistungen angewiesen, da ich (dank meines gesunden Körpers) immer arbeiten gehen konnte.

Also von mir aus, kürzt doch den ganzen Kram. Mir kann es ja egal sein, denn ich brauche die Sozialleistungen nicht. Schafft doch von mir aus gesetzliche Krankenversicherungen ab (ok, das steht in Europa nicht zur Debatte, aber Obamacare ist dafür ein Beispiel), versichere ich mich eben privat. Da ich ja arbeite und aufgrund meiner Schulbildung nun keinen körperlich anstrengenden Job ausübe, halten sich die Gebrechen sehr übersichtlich. Gut, meine Zähne habe ich vor Jahren mal machen lassen. Aber hey, dafür habe ich eine private Zahnzusatzversicherung. Hat mich also kaum was gekostet.

An dieser Stelle mag man sich fragen, wie das die Menschen machen, die sich nicht diese Versicherungen leisten können und eben entweder auf das Sozialsystem angewiesen sind oder sich mit mehreren Minijobs kaputtarbeiten müssen? Kann mir ja eigentlich egal sein …

Vorgesorgt

Kurz vor der Nationalratswahl hat übrigens die Siegerpartei ÖVP zum Thema Altersvorsorge noch einen guten Tipp parat gehabt: man sollte sich ein Eigenheim zulegen.

Klasse, so denke ich mir, hab ich! Perfekt. Nicht nur eins, denn letztendlich haben auch meine Eltern ein Haus mit Garten im Grünen und ich habe nur einen einzigen Bruder. Da dürfte also dank Erbschaft noch mehr auf mich zukommen. Moment, war es nicht auch die ÖVP, bzw. in Deutschland die AfD, die keine Erbschaftssteuer wollen? Perfekt, dann bekomme ich ja immer mehr und muss nichts abgeben.

Dass ich neben meinem Eigenheim, der potentiellen Erbschaften und meinem Bausparvertrag auch noch weiter privat abgesichert bin, macht mich sehr glücklich. Ich frage mich gerade, wie das sozialschwache Familien machen, wo bereits die Eltern finanziell nicht stark aufgestellt sind. Was erben da die Kinder? Wie finanzieren die ihr Eigenheim oder ihre Privatvorsorge? Kann mir ja eigentlich egal sein …

Blond, blauäugig, weiß und christlich

Immer wieder liest man ja auch, dass neue Deutsche selbst gemacht werden sollen. Wenn es dann etwas Richtung Stammtisch geht, wird daraus recht deutlich, dass es um den Erhalt Europider geht. Diese Themen nehme ich immer mit einem Schmunzeln hin, denn mit meinen blonden Haaren, der hellen Hautfrabe und den recht blauen Augen, zudem einem stabilen Auftreten bin ich in dieser Diskussion (auch am Stammtisch) nicht benachteiligt. Mein Vater und auch mein Opa haben (bzw. hatten) selbiges Erscheinungsbild, wenn ich da so an meine Frau (norddeutsch, blond, groß) denke, müssten wir ja eigentlich staatlich gefördert werden, wenn es darum geht, neue Deutsche selbst zu machen.

Gedankenverloren während meines Spaziergangs schoss mir auf einmal in den Kopf, dass ich als ehemaliger Theologiestudent (und dann auch noch evangelisch) mich mit der abendländischen Kultur, ihren Traditionen und Werten richtig gut auskenne. Ich weiß, was an Pfingsten, Buß- und Bettag oder Ewigkeitssontag gefeiert, bzw. gedacht wird. Ha, ich kann sogar mit der Bezeichnung Trinitatis gezielt etwas anfangen.

Spaziergang vorbei …

Bei all den vielen Gedanken, dass eine rechtskonservative Regierung meinem Leben eigentlich noch mehr Qualität bieten müsste und mich in eine noch elitärere Position versetzen müsste, habe ich gar nicht bemerkt, dass ich auf einmal wieder vor meiner Haustüre stehe. Spaziergang vorbei. Wie jeden Abend ein sehr entspannendes Gefühl. Ich bin immer wieder dankbar, mir diesen Luxus erlauben zu dürfen und einfach eine Stunde ausspannen zu können.

Andere können das nicht. Andere sind von Sorgen geplagt, die ich nicht tragen muss. Wenn ich nun all diese Gedanken nochmals anschaue, wirft sich schon die Frage auf, warum ich mich bevorzugt für eben jene einsetze, die es schwieriger haben. Warum ich am Ende dann doch kein elitäres Förderungssystem möchte, obwohl ich als Gewinner aus diesem gehe.

Weil es mir ganz einfach widerstrebt, auf Kosten Schwächerer noch stärker zu werden. Gleichzeitig werde ich nicht schwächer, nur weil anderen geholfen wird und mir nicht.


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