Entweidete Kinder, tote Säuglinge und Fotos auf Facebook

Ein paar Gedanken über meinen eigenen Gemütszustand. Mensch oder Maschine …. was machen explizite Bilder aus mir? Vielleicht tun sie mir heute noch nicht weh, aber was ist in ein paar Jahren los? Wie nachhaltig wirken verstörende Bilder in sozialen Netzwerken, erreichen sie eine Sensibilisierung oder erreichen sie auf Dauer ein müdes Lächeln?

 

In unserem AMA (ask me anything) auf reddit am letzten Mittwoch bekamen wir eine interessante Frage gestellt [3]:

 

Ihr lest jeden Tag viel auf facebook. Steht ihr unter dauerhafter psychologischer Betreuung/Seelsorge und/oder befindet ihr euch in psychologischer Behandlung?

 

An diesem wunderschönen Freitagmorgen habe ich mich nun rund zwei Stunden durch die übelsten Webseiten gekämpft. Habe mehrere brutal zugerichtete Menschenkörper gesehen. habe eine große Menge an Bildern von abgetriebenen Kinderkörpern anschauen müssen und viele Gewaltdarstellungen auf dem Bildschirm erdulden müssen, um die ältesten Fundstellen dieses Fotos zu finden. Das alles aus beruflichen Gründen, weil auf Facebook eine Bilderserie geteilt wurde, die einen angeblichen Organhandel in Syrien zeigt. Eines dieser dargestellten Bilder war extrem!

Es handelt sich dabei um ein Bild von einem Kinderkörper. Dieser Körper war komplett geöffnet, sämtliche Innereien entnommen. Und nun saß ich da. Mit diesem Bild und einem Video, welches angeblich dazu gehören soll. Die Suche nach der Herkunft des Bildes führte mich im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen, über eine Vielzahl von Kinderleichen. Blutend, zerstückelt, teilweise noch im Stadium eines Fötus. Zumindest alles sehr verstörend.

Wie geht man nun damit um? Wie gehe ich nachher nach Hause, wohin nehme ich all diese Bilder mit, die nicht nur heute, sondern regelmäßig über meinen Bildschirm scheinen? Oftmals lasse ich sie in meinem Bauch, der sich dann schwer wie ein Stein anfühlt. Häufig kompensiere die Erfahrungen durch Gespräche im Büro, gewisse Blödeleien als Ausgleich oder aber auch lange Artikel, in denen ich mir da Erlebte von der Seele schreibe.

Doch wie verhalten sich diese Bilder langfristig bei mir? Wie weit ist es schon gekommen, wenn ich tote Kinderkörper in schwarzen Plastiksäcken mit einem Schulterzucken und dem Kommentar “letztendlich sieht man da ja nichts Explizites” abtue. Da bemerkt man dann schon eine gewisse Desensibilisierung. Und wenn man dann überlegt, dass diese Bilder ja eigentlich aufwecken sollen, so bemerke ich bei mir, dass sie exakt das Gegenteil bewirken dürften. Sie stumpfen mich ab. Ich bin sogar in der Lage, gleich mein verspätetes Frühstück zu essen.

Ach ja ….

 

Natürlich habe ich auch ein Ergebnis zu meiner Arbeit. Es ist ja nicht so, dass ich diese ganzen Bilder angeschaut habe und diese nicht sortieren konnte. Die Information zur Beruhigung: in diesem Artikel wird es keine expliziten Bilder zu sehen geben, jedoch werden die verlinkten Quellen alle Bilder zeigen.

Ebenso kann ich mittlerweile sagen: sowohl Bilder, als auch Video zeigen keine Organmafia. Es geht „lediglich“ um Bombardements, Kriegsopfer und Bilder von stümperhaften Abtreibungen.

Schöne neue Welt. Wenn das kleinere Übel bereits schon beruhigt, obwohl es immernoch eine Katastrophe darstellt. Es ist irgendwie dann doch nur ein Scheindurchatmen, ein vermeintlicher Seelenfrieden.

Um das hier geht es:

 

Es handelt sich hierbei um Bilder und ein Video, zu welchen gesagt wird, dass es sich um eine Organmafia in Syrien handelt. 3 Dieser Bilder stellen einen Screenshot aus dem begleitenden Video dar, das vierte Bild zeigt einen geöffneten toten Kinderkörper (diesen haben wir unkenntlich gemacht). In dem Video sieht man ein weinendes Kind, welches zu einer Liege gebracht wird.

 

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Das Video

 

Das Video an sich zeigt noch keine expliziten Inhalte. Das Kind weint, in den Räumlichkeiten liegen schwarze Säcke, in denen mutmaßlich Leichen liegen. Das Kind wird von Männern zu einer Liege geführt, wo es platziert wird und medizinisches Gerät herangebracht wird. Dann endet das Video. Was im Anschluss geschieht, sowie auch jegliche Handlungen aus dem Vorfeld bleiben unbekannt.

Das Video trägt zwei Wasserzeichen. Das obere ist als eine Art Logo erkennbar und ist als “SMART” zu entziffern. Es handelt sich dabei um das Wasserzeichen der Smart News Agency. Der untere Schriftzug bedeutet so viel wie “Cobra Massid“. Das Kind ist nicht ganz einfach zu verstehen, bittet jedoch darum, zu seinem Vater gebracht zu werden.

 

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Das untere Wasserzeichen “Cobra Massid” wurde nachträglich eingefügt, in einer älteren Version des Videos mit Uploadzeitpunkt Februuar 2017 findet man diesen Schriftzug nicht vor (vergleiche [1]). Das Video lässt an dieser Stelle offen, was dort genau geschieht, wo wir uns befinden und wer dort zu sehen ist.

Das Originalvideo hat aber nichts zu tun mit einer Organmafia. Nach Angaben von “Smart” Nachrichten Agentur, zeigt das Video Opfer eines Luftangriff am 11. Dezember 2015. Dieser soll in einem Dorf (Kasabia) im Süden der Provinz Idlib geschehen sein und 6 Zivilisten getötet haben. Mindestens 15 Menschen wurden verletzt. Hier das Originalvideo.

Das vierte Bild

 

Am heftigsten und wirksamsten dürfte wohl das vierte Bild sein, welches den geöffneten Kinderkörper zeigt. Dieses suggeriert nun die eigentliche Organmafiakomponente. Doch exakt dieses Bild dürfte nicht zu dem Video gehören, es dürfte auch nicht zu der gesamten Szenerie gehören. Eine Bilderrückwärtssuche zeigt hier erstaunliche Ergebnisse.

Es gibt verschiedene Webinhalte aus den Jahren 2012 und 2013, welche bereits dieses Bild zeigen. Diese Artikel setzen das Bild jedoch in einen anderen Zusammenhang, dort geht es um Abtreibungen. Vorsicht, auf den Verlinkungen ist das beschriebene Bild deutlich sichtbar abgebildet! Unter anderem wird das Foto in hoher Auflösung hier verwendet:

Ein ganz alter Fundort zeigte dieses Bild bereits im August 2009. Dort ist das Bild mit dem Titel “Gespalten/halbiert” zu finden:

Daraus wird recht klar, dass dieses Video und das vierte Bild in keinem Zusammenhang stehen dürften. Das bedeutet letztendlich nicht, dass in der unsicheren Informationslage aus Kriegsgebieten ein Organhandel grundsätzlich ausgeschlossen werden kann (vergleiche hierzu: MDR “Flüchtlinge bieten eigene Organe zum Kauf an” [2]), jedoch müssen wir an dieser Stelle sagen, dass da Video nicht explizit genug zeigt, was dort passiert und dass das vierte Bild nicht das Ende des Kindes im Video zeigt.

 


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