Es war einmal …

… eine einsame Königin. Sie hatte zwar einige Freundinnen, aber die wohnten alle außerhalb und konnten nicht so häufig zu Besuch kommen.

Ein modernes Märchen. Mit Dank an die AutorIN aus der Gruppe „Gesperrt bei den Netzfrauen“. Zu ehren des Happy Puschelgate Days.

Zumal war eine von ihnen sogar schon 72 und damit naturgemäß auch nicht mehr so gut zu Fuß bzw. zu Pferd. Auch um die Familie, die ihr doch eigentlich über alles ging, konnte sich die einsame Königin nicht mehr in dem Maße kümmern, wie sie es sich gewünscht hätte, denn die Regierungsgeschäfte gingen trotz allem vor.

Als sie vor wenigen Jahren den Thron ihres Reiches bestiegen hatte, hatte sie die besten Absichten, alles besser als ihre Vorgänger und als die Vertreter aller anderen Königreiche zu machen. Denn sie wollte ihre Untertanen darüber aufklären, was wirklich in der Welt geschah. Vielleicht, so hoffte sie, fände sie ja unter ihnen neue Freundinnen und Freunde. Und da das Volk mehrheitlich nicht so gebildet war wie sie, wollte sie ihr Wissen teilen.

So betrat sie regelmäßig die Festungsmauer über dem Burgtor und rief ihren Untertanen von dort oben zu, was sie wusste. Und die Leute, die zufällig zu dieser Zeit an der Burgmauer vorbeigingen, blieben kurz stehen, hörten zu, nickten beifällig und gingen weiter ihrem Tagwerk nach. Nach kurzer Zeit hatte die einsame Königin alles von der Burgmauer herab verkündet, was sie jemals gelernt hatte, und es blieb niemand mehr stehen.

Da wurde sie traurig und überlegte, wie sie ihre Leute wieder dazu bringen konnte, ihr zuzuhören. Was sie zu sagen hatte, sollte spannender sein als der übliche Dorfklatsch und die Menschen sollten es nach Möglichkeit von niemandem anderen hören als von ihr. Also lud sie als erstes alle Herolde in ihr Schloss, die in ihrer Nähe durchs Land zogen und ließ sich von ihnen die neuesten Nachrichten erzählen. So bräuchten diese nicht bei Wind und Wetter auf dem zugigen Marktplatz zu stehen, argumentierte sie ihnen gegenüber. Leider waren auch die Nachrichten aus der Fremde nicht viel spannender als aus dem eigenen Burgflecken, und die einsame Königin fragte sich bang, ob es ihr wohl gelingen möge, ihre Untertanen wieder so weit zu fesseln, dass sie ihr eine Weile zuhören würden.

Als erstes peppte sie die Erzählungen der Herolde inhaltlich etwas auf. Das half; die Leute blieben mit offenen Mund vor dem Burgtor stehen, lauschten ehrfürchtig ihrer Königin und unterhielten sich sogar anschließend über das Gehörte, weil es eigentlich so unerhört war. Die einsame Königin nahm diese Entwicklung mit einem Gefühl der Zufriedenheit wahr und wähnte sich auf dem richtigen Weg.

Dafür machte ihr jetzt etwas anderes Sorgen. Die Herolde zogen natürlich weiterhin durch die Lande und könnten auf diese Weise mitbekommen, dass sie deren Geschichten unters Volk brachte. Sie müsste ihren Untertanen eigentlich einen geschützten Raum zum Zuhören bieten. Dazu bot sich natürlicherweise der Burghof an, obwohl es eigentlich nicht üblich war, dass das gemeine Volk einfach zu jeder Tages- und Nachtzeit durch das Burgtor spazieren konnte. So sann sie auf eine gute Begründung, mit der sie diese unkonventionelle Maßnahme vor ihren Ministern und Ratsleuten rechtfertigen konnte. Sie würde eine Burghofbetretungssteuer erheben, um die Staatskasse ein wenig aufzufüllen.

Einige Minister äußerten Bedenken, dass das Volk nicht gewillt sei, diese Steuer zu entrichten, denn das Königreich war klein und bot nicht sehr viele Reichtümer. Doch die einsame Königin fegte diese Bedenken beiseite, selbst auf die Burgmauer und rief ihren Untertanen zu: „Wollt ihr wissen, was im benachbarten Königreich Schlimmes geschehen ist? Passt bloß auf, dass das Unglück euch nicht auch noch erwischt. Kommt sofort in den Burghof, dann erzählen wir euch die ganze schreckliche Geschichte.“

Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bald strömten die Menschen in Scharen auf den Burghof, sobald die einsame Königin von der Burgmauer herab skandalöse Neuigkeiten ankündigte, und sie waren in der Tat so furchterregend und empörend, dass ihre Untertanen schier an der gesamten Welt verzweifelten und noch lange nach der Rede im Burghof blieben, um ihrer Empörung Luft zu machen. Das war ein Schimpfen und Schreien, wie man es in den alten Gemäuern noch nie gehört hatte, und die einsame Königin hörte es mit Wohlwollen, denn sie nahm diese Reaktion als Zeichen, dass sie ihr Volk gut unterhalten hatte. Einige begnügten sich freilich damit, ihre Gefühle dadurch auszudrücken, indem sie einfach nur in den Hof kotzten. Aber das war nicht weiter schlimm; durch die höheren Steuereinnahmen waren die Reinigungskosten mehr als abgedeckt.

Die Leute taten aber noch mehr. Sobald sie auf Menschen aus anderen Gegenden trafen, erzählten sie ihnen die Schauergeschichten ihrer Königin Wort für Wort weiter, sodass sich die Nachrichten wie ein Lauffeuer verbreiteten. Natürlich trafen sie hier und dort auch mal auf skeptische Ohren, und die Zweifler kamen beim nächsten Mal selbst in das kleine Königreich, um den Geschichten mit eigenen Ohren zu lauschen. Sie staunten nicht schlecht, als sie z.B. Nachrichten über ihre eigenen Heimatländer erfahren mussten, von denen sie genau wussten, dass sie nicht stimmten oder als die Königin behauptete, Dinge erlebt zu haben, die ihnen selbst und ganz anders widerfahren waren. Und als die einsame Königin ihre Erzählung beendet hatte, erhoben sie Einspruch.

Hui, das bekam ihnen allerdings schlecht. Die einsame Königin wurde fürchterlich wütend, schrie die Abtrünnigen an, sie seien wohl überfordert und verwies sie schnurstracks des Landes oder ließ sie in den Kerker werfen – ganz nach Belieben. Und da sie in ihrem Königreich schalten und walten konnte, wie sie wollte, war der Frieden nach jeglicher Störung dieser Art schnell wiederhergestellt. Die Untertanen waren’s zufrieden, sie mochten inzwischen das Gefühl, wenn ihnen bei den gruseligsten Erzählungen wohlige Schauer über den Rücken liefen. Auch hielten sie diese Geschichten für wahr und trauten sich vor lauter Furcht vor der bösen Welt draußen bald kaum noch aus dem Burghof, ihrer Komfortzone, heraus. Was die Staatseinnahmen zu Sprudeln brachte.
Die Herolde, die durchs Land zogen, wurden nicht mehr eingelassen, sondern mit Steinwürfen und Stockhieben von dannen gejagt, weil sie etwas anderes erzählten als die einsame Königin, logischerweise also die dreistesten Lügen. Als Mainstream-Herolde berichteten sie dazu auch noch übereinstimmend alle dasselbe, was an sich schon verdächtig war.

Während die einsame Königin sich königlich darüber freute, wie sehr sie von ihren Untertanen verehrt wurde, und von Tag zu Tag zu neuen Höchstformen auflief (manchmal verkündete sie bis zu fünf Schreckensnachrichten pro Tag, darunter allerdings auch welche der vergangenen Woche, aber das fiel niemandem auf), reagierten die Herolde natürlich sauer. Da ihnen niemand mehr zuhören wollte, verdienten sie auch kein Geld mehr, und als sie dazu auch noch erfuhren, dass die einsame Königin ihre eigenen Geschichten, die sie ihr mal im Thronsaal selbst erzählt hatten, dramatisiert verfremdet als ihre eigenen Erfahrungen ausgab, braute sich Widerstand ernsthafterer Art zusammen. Die Herolde verfassten einen gemeinsamen Brief an die einsame Königin, in dem sie von ihr einen erklecklichen Batzen Gold für jeden einzelnen verlangten, dafür, dass sie ihr Volk Steuern entrichten ließ, um ihren Lügengeschichten lauschen zu dürfen, während sie ihre Familien kaum noch ernähren konnten.

Für die einsame Königin brach schier eine Welt zusammen, als der berittene Bote aufs Schloss kam, um ihr das Schreiben der Herolde mit dem Siegel des Landvogts zu überreichen. So viel Gold könne sie doch nie und nimmer entbehren und gleichzeitig ihren Hofstaat weiter unterhalten. In dieser schweren Stunde sah sie nur noch den einen Ausweg – sie musste als Königin abdanken. Das Schloss würde zur Ruine verfallen, ihre Untertanen, die sie doch so sehr liebten, in alle Winde verstreut werden, und den Tränen der Verzweiflung nahe, rief sie ihr Volk noch einmal in den Burghof zusammen, um Abschied zu nehmen.

Die Untertanen waren ja inzwischen viele Schreckensnachrichten gewohnt, aber diese überstieg alle Szenarien, mit denen sie sich jemals in ihren schlimmsten Albträumen konfrontiert gesehen hatten, und es erhob sich ein allgemeines Jammern und Wehgeschrei, das bis in die benachbarten Königreiche zu hören war, wohin im Laufe der Zeit viele der Kritiker verbannt worden oder ausgewandert waren. Diese reagierten deutlich entspannter auf die Neuigkeit als die im kleinen Königreich verbliebenen Untertanen.

So erlebte die einsame Königin nach dem Brief der Herolde gleich den nächsten großen Schock, als sie entdeckte, dass rund um ihr kleines Königreich die Freudenfeuer entfacht wurden und die Menschen die ganze Nacht ausgelassen feierten. Sie verstand die Welt nicht mehr. War sie doch immer der Meinung gewesen, dass sie mehrheitlich verehrt würde und nur ein paar wenige Störenfriede fortgejagt habe. Ungläubig rannte sie einmal die gesamte Burgmauer entlang, gewahrte zu ihrem Entsetzen in jeder Himmelsrichtung bis zum Horizont Zeichen des Jubels und der Erleichterung, wodurch ihr erst das ganze Ausmaß derer bewusst wurde, die sie sich zu Feinden gemacht hatte.

Frustriert stürzte sie ins Schloss und schlug unter Tränen der Wut die ganze Nacht auf die Lehnen ihres Throns ein, bis ihr am frühen Morgen die Handgelenke wehtaten.
Aber ihr Zorn war noch lange nicht verraucht; also machte sie sich in die umliegenden Königreiche auf und zertrat eigenfüßig die letzte Glut der nächstens entzündeten Freudenfeuer. Dabei überschüttete sie sämtliche Passanten, die sie schief angrinsten, mit derben Flüchen und Schimpfwörtern.

Währenddessen hatten die verzweifelten Untertanen der einsamen Königin die ganze Nacht und den ganzen darauffolgenden Tag weinend im Burghof gestanden und sich keinen Rat gewusst, was sie fortan mit ihrem Leben anfangen sollten. Sollten sie es wagen, in die Welt, die doch so schlecht war, hinauszuziehen, um sich eine neue Königin zu suchen, die sie beschützen könnte? Sollte die einsame Königin sich nicht besser in einem anderen, fernen Königreich verstecken, wo ihr die Bösewichte, die nur auf ihr Gold aus waren und sie zu ruinieren trachteten, nichts anhaben konnten, um ihnen von dort aus ihre Botschaften zukommen zu lassen? Oder sollte man versuchen, eben jener Bösewichte habhaft zu werden, um sie unschädlich zu machen? Manche waren auch bereit, ihr letztes Hemd zu geben, um der einsamen Königin die schwere finanzielle Bürde zu nehmen, ungeachtet ihrer eigenen Steuerlast, die die ganze Zeit über wirksam blieb. Aber da die einsame Königin gerade wie eine Furie durch die benachbarten Königreiche stürmte, war niemand da, der den Untertanen sagte, was sie tun sollten. So wurden sie es schließlich müde und legten sich schlafen.

Als die einsame Königin erschöpft nach ihrem Tobsuchtsanfall wieder in ihr Königreich zurückkehrte, fand sie also keine Menschenseele vor, die ihr einen rauschenden Empfang bereitet hätte, und sie weinte wieder bittere Tränen. „Warum müssen ausgerechnet wir so untreue Untertanen haben?“ schluchzte sie in ihr seidenes Kissen, denn sie hatte sich schnurstracks in ihr Schlafgemach geflüchtet. „Die machen sich ja gar nichts aus uns als Königin, dabei wollten wir doch immer nur das Beste für sie. Und die? Wollen nur unser Unterhaltungsprogramm konsumieren. Dabei glauben sie auch noch, dass die Geschichten, die wir ihnen erzählen, wahr sind. Aaaarrrrgh! Womit haben wir das nur verdient?“

Und wenn sie nicht gestorben ist, leidet sie noch heute unter ihrer grenzenlosen Einsamkeit.

 


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