Einer von 169.158 Menschen

Ja, ich bin ein Ausländer. Auch wenn es sich nicht immer für mich so anfühlt, spätestens mein deutscher Personalausweis erinnert mich dann wieder daran, dass ich ein Ausländer in Österreich bin.

Ich gehe mal davon aus, dass meine österreichischen Freunde wesentlich deutlicher mich als Ausländer wahrnehmen, als ich mich.

Daher war ich sehr erschüttert, als der (wahrscheinlich werdende, jedoch jetzt noch) Kanzlerkandidat Sebastian Kurz auf Facebook pauschal jeden Ausländer abkanzelte. Das tat mir schon ein wenig weh, denn ich sehe mich nicht als das, was Herr kurz als Beitrag sogar mit finanziellem Aufwand bewirbt.

sk

Bin ich es, der Wien abwertet? Der die Wiener aus ihren Gassen jagt? Ich hege Zweifel, möchte daher ein paar Worte dazu verlieren.

Sehr geehrter Herr Kurz,

ich bin´s, einer dieser 169.158 Ausländer, die in den letzten 6 Jahren nach Wien gezogen sind. Einer dieser 169.158, die sie pauschal abwerten, indem sie ihnen den Wertverfall eines Grätzels andichten.

Ich bin einer dieser 169.158 Menschen, die sie pauschal als schlecht darstellen, auf deren Rücken sie gerade Wahlkampf betreiben. Ich kann sie nicht Nichtwählen, liegt daran, dass ich einer dieser 169.158 Ausländer bin.

Sehr geehrter Herr Kurz, ich bin jedoch der, den sie schon auf Empfängen getroffen haben und auch schon die Hand geschüttelt haben, so wie im letzten Jahr beim Empfang zu Ehren des Tags der Deutschen Einheit in Wien. Damals waren sie Gast unter vielen Ausländern. Sie durften sogar eine Rede halten. Im Palais. Da war ihnen nicht nur meine Hand nicht fremd, sondern auch die Hand vieler anderer Ausländer nicht fremd.

Sehr geehrter Herr Kurz, ich bin der, der sich um Bildung für österreichische Schülerinnen und Schüler bemüht. Denn Bildung bedeutet eine Steigerung des Wohlstands. Daneben bin ich auch der, der in Österreich Steuern zahlt, in die Pensionskasse zahlt, der netten über 80-jährigen Dame aus dem Erdgeschoss hilft, wenn in ihrer Wohnung kleine Reparaturen anfallen, aber auch der, der in der U-Bahn für Bedürftigere den Platz freimacht und auch freiwillig die Treppe hinaufläuft, wenn der Lift mal wieder voll ist. Ich sortiere den Mist, lerne immer neue Austriazismen und zolle meinem Gastgeberland höchsten Respekt. Ich kann zwar nicht behaupten, „I am from Austria”, aber ich sage gerne und mit einem gewissen Stolz „I live in Austria”.

Mir ist völlig bewusst, dass nicht alle Menschen so handeln. Nein, auch von den 169.158 genannten Menschen sind nicht alle Engel. Ich jedoch, der definitiv einer dieser 169.158 Menschen bin, fühle mich von ihnen mehr als zu Unrecht übel nachgeredet. Diejenigen, die ich bisher hier kennenlernen durfte, seitdem ich einer dieser 169.158 Menschen bin, haben mich nicht so böse pauschal abgewertet. Und selbst wenn, dann haben sie dies nicht als bezahlten Beitrag auf Facebook kundgetan.

Vielen Dank

Ihr Andre Wolf


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